Über diese Brücke musst du gehen

Eigentlich war die Idee viel zu verrückt, um sie in die Tat umzusetzen – und genau das machte den besonderen Reiz aus…

Kurzer Rückblick:
Im Mai habe ich nach Jahren wieder mit dem Laufen begonnen und dieses Mal ernsthafter als vor 10 Jahren. Relativ schnell habe ich motivierende Fortschritte gemacht und dafür umgehend die Quittung präsentiert bekommen: Zwangspausen wegen übertriebenem Ehrgeiz.

Nach und nach stellte sich jedoch ein passabler Rhytmus ein und trotzdem (bzw. gerade deshalb) kam ich auch zu echten Fortschritten. So war es nur eine Frage der Zeit, wann ich mich der ersten Herausforderung stellen sollte, einem „echten“ Lauf. Die Entscheidung fiel nicht schwer, es sollte der hiesige Nachtlauf in Hannover werden. Mit einigen Freunden meldeten wir uns als Gruppe an, von der jedoch nur mein Bruder und ich auf die 10 km Distanz gingen. 3 Monate nach Beginn meiner neuerlichen Läuferkarriere hatte ich mich also für ein Laufevent angemeldet und sollte 4 Wochen später meine Form unter Beweis stellen.

Der eigentliche Wahnsinn ritt mich jedoch noch bevor ich überhaupt für den Nachtlauf gemeldet war: Im Internet fand ich zufällig den Hinweis auf den 1. Köhlbrandbrückenlauf in Hamburg und war derart fasziniert, dass ich mich insgeheim zu diesem Zeitpunkt schon entschlossen hatte, dort mitzulaufen. Die großen Fragen lauteten jedoch sofort: schaffe ich noch weitere 2 Kilometer mehr (12 km Laufstrecke), ohne jemals 10 km gelaufen zu sein und werde ich die Steigungen meistern?
Während des Nachtlaufs war mein Bruder, ein perfekter Pacemaker und zog mich mit 59:33 durchs Ziel. Einerseits war die Freude groß es geschafft zu haben, andererseits konnte ich meine Enttäuschung nicht ganz unterdrücken, hatte ich doch mit einer noch besseren Zeit gerechnet.

Dennoch fiel nun der endgültige Entschluß:
Es sind es noch ca. 4 Wochen bis zum Köhlbrandbrückenlauf – und ja: Ich werde dabei sein, Punkt!
Mir war jedoch ganz klar, dass mich niemand durchs Ziel ziehen wird und das ich mir den Lauf irgendwie einteilen muß. Schließlich stehen hier 2 echte Steigungen auf dem Plan (hinterher stellte sich heraus, dass es sogar galt, 4 Steigungen zu bezwingen).

Also steckte ich mir drei Ziele:
1. Ankommen
2. Die Zeit bis zum Lauf mit sinnvollem Training füllen (ohne Trainingsplan, einfach nicht überanstrengen, dafür aber regelmässig laufen)
3. Eine Laufstrategie für das Event erstellen

Das zweite Ziel war leicht zu erreichen, weil das Wetter in den Wochen vor dem Lauf einfach grandios war. Mit der Laufstrategie jedoch habe ich mir sehr viel Zeit gelassen. Ein Gespräch mit unserer marathonlaufenden Nachbarin (AK 50), brachte mich auf die recht simple, aber dennoch richtige Spur: Langsam starten und Kräfte für den zweiten Teil aufsparen. Ich beobachtete einfach meine Laufzeiten in den verbleibenden Trainingseinheiten und schnell stellte sich heraus, dass ein 6:00 Schnitt generell geht, aber nicht sehr komfortabel ist. In Anbetracht der zu erwartenden Steigungen zog ich einfach eine Minute ab und setzte meine Startpace auf 7:00 fest. Damit bricht man keine Rekorde, aber es gibt eine gewisse Hoffnung darauf, Ziel 1 (Ankommen) zu erreichen.

03.10.2011:
Ich fühle mich ausreichend trainiert und bin voller Tatendrang. Mein letztes Training habe ich souverän mit einer 7:00 Pace auf 5.5km abgeschlossen, danach nahm ich mir trainingsfrei und sparte meine Kräfte für den großen Tag.
Das Wetter in Hannover ist an diesem Tag der deutschen Einheit gr0ßartig, die Vorhersage für Hamburg ist zwar etwas schlechter, aber durchaus noch gut. Ein letztes Mal prüfe ich also den Inhalt meines Jutebeutels und stelle beruhigt fest, dass alles wichtige an Bord ist. Neben Schuhen, Laufkleidung und Startunterlagen findet sich dort auch ein noch schnell vorher gekaufter Trinkgürtel, der sich im Nachhinein als absoluter Gewinn herausstellen soll. So geht es angenehm angespannt und voller Vorfreude auf die Autobahn.

Nach Erreichen des hansestädtischen Parkplatzes und dem Unterquehren der S-Bahn finde ich mich mit vielen anderen Menschen mitten im Hamburger Hafen wieder. Historische Umschlaganlagen und eine Museumseisenbahn fühlen sich hier im Umfeld der großen, modernen Lagerhallen und Containerstellplätze sichtlich unwohl. Dennoch scheint dies der letzte Ort zu sein, an dem sie geduldet sind – kurzfristig befällt mich ein Gefühl tiefer Melancholie.

Schnell verabschiede ich mich von diesen finsteren Gedanken und gemeinsam mit anderen Läufern passiere ich Lagerhalle um Lagerhalle, bis ich schließlich aus der Ferne Musik wahrnehme. Wir kommen also dem Ziel (das genau genommen der Start ist) näher. Und dieser Startplatz ist vor einer äußerst interessanten Kulisse aufgebaut: Auf der einen Seite eine schier unendlich lange Lagerhalle, auf der anderen Seite eine ebenso lange Reihe, unglaublich hoch aufgetürmter Container. In der sich bildenden Gasse von ca. 20 Metern Breite, dass Übliche: Zelte, Umkleidekabinen, Bühne, Start- und Ziel etc.

Vor dem Start

Als erstes das wichtigste: Umziehen, Ausrüstung checken, Beutel abgeben. Jetzt habe ich Zeit und Ruhe, um die Startgerade zu inspizieren. Zufällig wird gerade Dieter Baumann (Goldmedaille Olympiade 1992 über 5000 Meter) interviewt. Er gibt nochmal die Mahnung aus, die Steigungen nicht zu unterschätzen. Auf die Frage nach seiner Renneinteilung antwortet er lapidar: „Ich werde nicht volle Pulle laufen, sondern das Ganze geniessen. Meine Zeit wird irgendwo zwischen 35 und 40 Minuten liegen“. – Aha… 40 Minuten für 12 Kilometer mit Steigungen bei gemütlicher Gangart – für einen kurzen Moment fühle ich mich sehr einsam.

Schnell schüttele ich den Gedanken ab und widme mich den wichtigen Dingen: noch ein wenig ausruhen, sinnieren, dann Dehnen und schließlich langsam ins Feld einreihen. Ich sortiere mich ganz bewußt annähernd als letzter ein. Kurz vor dem Start fühle ich mich ein weiteres Mal geradezu erniedrigt, als direkt hinter mir jemand mit einem ZWILLINGS JOGGER inklusive dem standesgemäß dazu gehörendem Interieur startet. Ich spreche ihn an: „Hut ab, da habt ihr euch aber was vorgenommen“. Er antwortet mit einem Lächeln: „Ach naja, wird schon werden“ (am Ende waren die drei 10 Minuten schneller als ich – das Leben ist manchmal ungerecht).

Plötzlich ist es da – dieses Gefühl kurz vor dem Start: Unruhe, trippeln, Freude, Aufregung, die Liste mit positiven Attributen lässt sich fast beliebig verlängern. Dann das obligatorische Herunterzählen und schließlich geht es endlich los. Nach ziemlich genau 3 Minuten bin ich als einer der letzten 2100 Läufer endlich über die Ziellinie gelaufen und drücke die Start Taste auf dem Forerunner. Auf geht’s, raus aus der Startgasse, über den Bahnübergang, dann scharf links, jetzt ca. 200 Meter jetzt rechts und wir finden uns auf dem Veddeler Damm wieder. Ich werde selbst von den letzten noch überholt, habe aber sofort das Gefühl: Viele von euch werde ich wieder sehen und ich soll sogar recht behalten.

Ein Blick auf die Pace: Oh Schreck, 6:30. Ich werde bewußt langsamer. 6:45, noch etwas langsamer. Bei ca. 700 Meter eine Überführung. Nicht gerade angenehm, eine ziemlich kurze aber dafür steile Steigung – erste Zweifel, wenn das auf der Köhlbrandbrücke genauso wird, dann kann ich direkt mit dem Besenwagen fahren. Nach kurzer Zeit geht es wieder von der Brücke herunter und alles ist wieder in Ordnung. Meine Beine haben den Rhythmus gefunden. Nach ca. 1.5 km sehe ich die ersten Läufer am Rand gehend und ich ziehe jovial an ihnen vorüber. Ein merkwürdiges Gefühl macht sich breit: Einerseits fühle ich aufrichtig mit ihnen, andererseits bin ich froh nicht hier schon zu scheitern.
Endlich: auf der rechten Seite ist jetzt deutlich einer der beiden charakteristischen Brückenpfeiler zu sehen. Geradezu verschämt lugt er in den Himmel. Noch ein paar hundert Meter, dann eine langgezogene Rechtskurve und wir biegen endlich auf die Brücke ein.

On Tour

Majestätisch liegt sie in voller Pracht vor mir, bunt getupft mit einem Meer laufender Menschen. Ich sehe die Steigung, bin einen Moment tief von ihr beeindruckt, dann ignoriere ich den Anstieg und unbändige Freude bricht sich in mir Bahn. Ein guter Zeitpunkt für ein Foto. Während des Laufens schnell das iPhone gezückt und ein Foto dieses ganz speziellen Augenblicks geschossen. Nachdem alles wieder verstaut ist, ein Blick auf die Pace – passt. Jetzt geniesse ich meinen Lauf in vollen Zügen – und das sogar bergauf. Ähh, Moment mal, ich bin gerade mal bei Kilometer 4 und da kommt schon jemand zurück – ein paar extrem komplexe chemische Reaktionen unterhalb meiner Schädeldecke versuchen hier Licht ins Dunkel zu bringen und schließlich muß ich schlicht einsehen, daß ein Olympiasieger keine Fata Morgana ist. Es hilft alles nichts: Applaudieren und Anfeuern, dann ignorieren und weiterlaufen.

Oben auf…
Dudelsackspieler

Endlich auf 58 Metern Höhe angekommen schieße ich erneut Fotos und genieße den spielerisch leichten Abstieg. Ein Blick auf die Technik verrät mir, dass ich ein wenig Zeit verloren habe, obwohl ich inzwischen doch etliche Läufer überholen konnte. Also ziehe ich das Tempo etwas an bis sich meine Durchschnittspace im Bereich von knapp unter 7 Minuten einpendelt. Jetzt unter die Unterführung, dann zum Wendepunkt. Nach dem Wendepunkt eine Verpflegungsstation. Die Helfer sind dem Ansturm nicht gewachsen und die Läufer stehen Schlange. Ich passiere sie im ruhigen Tempo, wohl wissend, dass ich Selbstversorger bin. Immer mehr Läufer kann ich nun überholen  – ein tolles Gefühl. Auf der Steigung dann dem Schweiß neue Nahrung geben, die Premiere mit dem Trinkgürtel klappt hervorragend. Ich bin stolz, denn bereits mehr als die Hälfte ist geschafft. Ein paar Beinahestolpler mahnen mich, nicht nachlässig zu laufen. Also konzentriere ich mich wieder mehr! Ich fühle mich großartig. Jetzt zum Ende der Steigung komme ich dann doch etwas ausser Atem, also wieder etwas Tempo raus, ich liege im Schnitt ohnehin gut unter 7:00.

Auf dem Gipfel wieder der Dudelsackspieler, über den ich auf dem Hinweg schon schmunzeln mußte. Kurz beklatsche ich ihn, dann kümmere ich mich wieder um meinen Lauf. Es geht bergab und ich fühle mich fantastisch, da geht doch noch was… Also Tempo rauf – in meinem Hinterkopf versuche ich mir auszurechnen, wieviel ich wohl zulegen darf. Die Rechnung ist zu komplex, also konzentrieren und einfach in den Körper lauschen. Relativ schlagartig und ohne gezieltes Zutun ändert sich plötzlich meine Wahrnehmung: Ich konzentriere mich nur noch auf meine Beine meine Atmung und unterschwellig auf die Musik in meinen Kopfhörern. Ansonsten nehme ich um mich herum nur noch wenig wahr. Einzig was vor mir passiert interessiert mich. Rechts überholen, links überholen. Zwei Läuferinnen vor mir in schwarz, Mitglieder der BSG einer Mineralölfirma sind mein Ziel. Los jetzt! Mehr Tempo! Pace kontrollieren: 6:05, 5:52, 5:42 an den Damen vorbei 5:36, dann ebbt das Gefälle der Brücke langsam ab und ich nehme ganz bewußt das Tempo zurück, wohl wissend das noch ca. 3.5 km auf mich warten und die kurze, aber intensive Steigung der Ellerholzbrücke auch noch bewältigt werden will. Die schwarz gewandeten Damen ziehen wieder an mir vorbei – egal. Schlagartig werden meine Beine schwer, dass ist wohl die Rache für meinen Übermut. Ein Blick aufs GPS: 9.6 km. Noch knapp 2.5 km zu laufen. Das heisst alles mobilisieren und noch einmal volle Konzentration.

Jetzt spüre ich ganz bewußt, wie ich wieder in diesen merkwürdigen Zustand übergleite: Um mich herum nehme ich wieder nur wenig wahr, nur vor mir gibt es relevante Informationen. Meine Arme unterstützen jetzt sehr aktiv den Lauf und die Beine erholen sich ein wenig. Obwohl ich wieder vermeintlich langsamer werde (die spätere Analyse zeigt dann hier jedoch eine Zunahme der Geschwindigkeit), überhole ich andere Läufer. Jetzt nur noch die kleine Brücke mit der unangenehmen Steigung, wieder nehme ich leicht das Tempo zurück um mich zu schonen. Die Steigung liegt schneller hinter mir, als gedacht und hat nicht allzu viel Kraft gekostet. Der letzte Kilometer, ich bin jetzt echt müde, aber dennoch läuft diese maschinengleiche Prozedur in mir ab: Tap, tap, tap, tap, der Gleichklang meiner Schuhe auf dem Asphalt beruhigt mich ungemein, ansonsten nehme ich um mich herum wieder nur wenig wahr.

Erschreckend plötzlich taucht die starke Linkskurve vor mir auf. Völlig überrascht stürze ich in die Realität zurück, dass Ziel liegt unmittelbar vor mir! Schnell das iPhone raus, Bahnübergang, Rechtskurve, kurzer Stolperer, Foto und jetzt SPURT, TEMPO! Jäh taucht ein anderer Läufer neben mir auf, ebenfalls bereit sein allerletztes zu geben. Ich gebe jedoch gefühlt noch mehr. Feuer in den Beinen, der Typ neben mir hält die Höhe. LOS MEHR TEMPO, dieser innerliche Schrei an meine Beine gerichtet, verhallt nahezu ungehört. Auf den letzten zwei Schritten zieht mein Kontrahent hauchdünn an mir vorbei:

ZIEL!

ZIEL!

Ich verstaue das iPhone, nehme das Basecap vom Kopf und gieße mir den Rest Wasser über die Haare  – das tut so unendlich gut. Ich drehe mich zu meinem Endspurtgegner und bedanke mich für diesen kleinen Wettkampf. Wir geben uns fünf. Dann nehme ich meine Medaille in Empfang – ein unendliches Glücksgefühl.

Eins ist sicher: Nächstes Jahr bin ich wieder mit von der Partie und zwar schneller 😉 (erstaunlicherweise bin ich letztendlich eine Durchschnittspace von 6:36 gelaufen).

Strecke und Zeiten des Laufs gibt es hier

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