27. Schweriner Fünf-Seen-Lauf 2011

All die Jahre hab ich sie belächelt, diese bekloppten die da alljährlich um die Tümpel in Schwerin hetzen. Hab mich über die Verkehrsbehinderungen an allen möglichen Ecken geärgert und konnte mir nicht erklären, wie man so einen Quatsch eigentlich mitmachen kann. Freiwillig.

lauter Verrückte

Heute war ich einer der Bekloppten. Ich bin diesen Lauf mitgelaufen. Und, wahrscheinlich als ziemlicher Einzelfall, bedauere ich, dass es keine Hitzeschlacht wie in den vorhergehenden Jahren war. Keine 38° auf dem sogenannten Pickel, jenem steilem Anstieg in den Lankower Bergen, welcher nach Erzählungen anderer ein Garant für eine vergeigte Bestzeit war. Jener Hügel war in früheren Jahren der Kern des Schweriner Skigebietes und so steil, dass sogar ein Skilift einst dort in Betrieb war. Heute erinnert nur noch ein einsamer Trägermast an diese Zeiten. Und der Steile Anstieg, der damals die Skisprunganlage darstellte und heute nur noch Pickel genannt wird. Was ebenfalls fehlte waren die Anwohner die mit Ihren Rasensprengern die Läufer abkühlten und diese begeisternd am Wegesrand anfeuerten. Bis auf einige wenige waren die meisten in Ihren trockenen Wohnungen geblieben und beobachteten das Spektakel, wenn dann vom Fenster aus. Nur ein paar Hartgesottene schafften nahmen das Wetter als gegeben hin und bauten gar noch den ein oder anderen inoffiziellen Versorgungsstand auf. Für diesen Einsatz muss man den Beteiligten großen Respekt zollen und ein mal ein Danke sagen.

Es geht los, der Pulk rollt...

Nun aber zum Lauf: pünktlich um 10 Uhr sagte die Funkuhr aus Omas Schrankwand dem offiziellem Startbeauftragten, dass er seine Starterpistole für die Starter der 10km Distanz zu schwingen hat, bevor auch dieser vom Laster sprang um im Strom der Massen in Richtung Lankow davon zu treiben. Mit im Pulk schwamm der größte Teil meiner Kollegen von dannen. 10 Minuten später, ich war noch einmal kurz für kleine Nervenbündel, starteten auch schon die Läufer der 30km-Strecke. Der bisher vorherrschende Nieselregen legte derweil etwas an Intensität zu. Da nun der Start über 15km bevor stand, wurde es Zeit mich meiner mich vor dem Regen schützenden Jacke zu entledigen um mich mit der letzten noch übrig geblieben Kollegin unter die 1000 Läufer zu mischen, welche als letzter Pulk um 10:25Uhr starten sollten. Und pünktlich wie die Maurer ging es auch los.

 

Mittendrin, statt nur dabei...

Im üblichen Startgedränge schob sich die Masse langsam und gemütlich in Richtung Startlinie vorwärts um dann erst einmal in den gemütlichen Trab zu fallen. Vorbei an der Namensgeberin dieses Platzes, der Blumenfrau Bertha, ging es gemütlich auf dem breiten Promenaden weg an IHK, Landesbank, Rechtsanwaltskanzleien und ähnlichem auf der einen Seite und dem ersten See dieser Runde, dem Burgsee vorbei in Richtung Schloss. Im Gegensatz zum Orga-Vorlauf von vor einer Woche, wo ich hier schon fast an einem Mülleimer gescheitert wäre, waren sämtliche Hindernisse deutlich als solche gekennzeichnet. Sogar einzelne Straßenschildpfähle waren für die ständig nur 5 Meter vor die eigenen Füße guckenden Läufer markiert, damit ja keiner die wertvollen städtischen Einrichtungen mit seiner Schädelplatte beschädigt :-). Am sehenswerten Schweriner Schloss, für dessen Schönheit allerdings kaum jemand ein Auge übrig hatte (einer der Organisatoren meinte, noch, dies wäre ja auch ein Wetter für Bestzeiten und nicht fürs Sightseeing) ging es über glatte Kupferschlackensteine in den Schlossgarten ab wo uns Sand und Asphaltwege in lockerer Reihenfolge begleiten sollten. Hier erreichten wir dann auch See Nummer zwo, den Schweriner Außensee. Meine Zeit habe ich noch gar nicht ernsthaft beachtet, denn gefühlt war ich so langsam wie schon ewig nicht mehr unterwegs. Das dies nur eine Täuschung durch die Masse an vorbeihirschenden Läuferkollegen war, konnte ich aber erst viel später realisieren.

Geschickt versuchte ich also meine Position im Gewusel zu finden und zu halten. Dabei, um der trockenen Füße wegen, immer wieder mit gekonntem Sprung über Pfützen und kleine Rinnsale hinweg gesprungen, welche nun, nach verlassen des Schloßparkgeländes etwas zahlreicher wurden. Leider schien ich der Einzige zu sein, der sich trockenen Fußes versuchte durch die Lande zu schieben. Denn immer wieder sprang ein anderer Läufer direkte neben mir in eine der immer zahlreicher und größer werdenden Pfützen. Der jeweilige Wasserschwall landete dann allerdings in meinem Schuh. Na super. Und so musste ich schon nach knapp 3 Kilometern mit nassen Füßen laufen. Ein gutes hatte es jedoch. Ab da hab ich mich nicht mehr für Pfützen interessiert und es wurde gleich viel entspannter. Pitsch, Patsch, einfach durch. Und so schmatzte ich erst an der Kleinen, dann an der Großen Karausche vorbei (See Nummer drei und vier).

Die ersten Wohnhäuser nahten und hier standen ein paar Bewohner an der Strecke und klatschten und jubelten und tröteten ausdauernd den Läufern zu. So macht das Laufen auch bei Sauwetter richtig Laune. Vor Begeisterung hab ich doch glatt den ersten Versorgungspunkt verpasst, welcher bereits die ersten Läufer zu kleinen Pausen anzuregen schien. Einen kurzen Augenblick später hatte ich dann noch einen etwas seltsamen Aha-Effekt, dachte ich doch, dass wir hier zum Laufen wären. Direkt vor mir lief ein Herr in Regenjacke. wir beide quasi mitten auf dem Weg, links und rechts eingekeilt von anderen Läufern zogen wir dahin. Doch plötzlich blieb der Mann stehen. Nicht am Rand, nicht langsam auslaufen, sondern abrupt. Unangenehm wenn man dann plötzlich nicht mehr weiß wohin und man dann einfach voll drauf rasselt. Naja voll drauf nicht, aber ein leichter Streifschuß mit meiner rechten Schulter war schon drin.

 

persönliche Anfeuerung beim Zoo

Nur wenige hundert Meter wartete dann aber schon meine „Support-Crew“ und feuerte mich mit „schneller Papa!“ lautstark an. Die  drei sind schnell vom Startgelände mit dem Auto bis zum Zoo gefahren um mich hier so zu unterstützen :-). Direkt danach kommt auch schon See Nummer 5, der Faule See. Dieser ist übrigens, komplett dem Namen widersprechend, DAS Sportgewässer Schwerins. Hier sind immerhin die Anlagen des Olympiastützpunktes der Kanuten, zahlreiche Sportplätze liegen an seinem Ufer und der weg drumherum ist ständig mit Joggern und Walker bevölkert. Noch 9 Kilometer meinte das Schild gerade eben und ich überlege auszusteigen und mich von meinen Mädels ans Ziel bringen zu lassen, denn irgendwas läuft ein bisschen Schief, bin ich doch laut Schild eben erst 6 Kilometer gelaufen und eigentlich schon vollkommen am Ende. Ein kurzer Blick war dann auch erklärend; 29:45 zeigte diese. Doch das kann nicht sein, denn das wäre viel schneller als die Bestzeiten von meinen (immerhin schon zwei) 5-Kilometerwettkampf-Läufen. So ein Mist, bin ich doch zu fix los. Das kann ja nur böse enden.

Also etwas Tempo drosseln aber unbeirrt weiter. Am Ende des Faulen Sees wird es ein wenig Haarig, denn es gilt eine Reihe von Straßen zu überqueren. Doch sämtliche Befürchtungen waren unbegründet und so sind wir über mehrere Straßen und eine Brücke problemlos vom Faulen hinüber zum Ostorfer See gewechselt (See Nummer 6), welcher uns nun eine ganze Weile begleiten wird. Hier wartete dann auch Versorgungsstation Nummer zwei, wo ich mir dann schnell einen Becher krallte um mir dann mit zittriger Hand das Wasser über Gesicht und Oberkörper schüttete statt, wie geplant etwas zu trinken. Ein paar Tropfen bekam ich ab, der Rest verteilte sich auch Shirt und Mütze. Beim nächsten Mal muss ich einen Strohhalm mitnehmen oder gleich mit Trinkrucksack laufen.

Rund um den ersten Teil des Ostorfer Sees führt ein toller Rad- und Fußweg. Durchgehend asphaltiert und mit vielen Büschen versehen, die auch prompt den ein oder anderen Läufer und auch Läuferinnen zum Versteckspielen einzuladen schienen. Allerdings bremsten auch ein paar Fußgänger, die nicht einsehen wollten, dass sie hier nicht alleine sind, den Schwall Läufer.

Dann waren wir auch schon in Görries, noch 5 km bis zum Ziel. Aufgeben war kein Thema mehr, auch wenn die Uhr meinte, dass das mit dem Tempo zurücknehmen nicht geklappt hat. Immerhin 53:30 soll ich bis zur 10km-Marke benötigt haben. Hier erwartete mich mein Fanclub nun ein zweites Mal um mich anzufeuern und zuzujubeln.

Noch seh ich einigermaßen gut aus...

Ab hier geht es nun durch Gartenanlagen. Über zerfurchtes, nasses Kopfsteinpflaster führen die ersten paar Hügel und es gibt die ersten wilden Wechselspiele von überholen und überholt werden. Am Ende der Anlage kommt die letzte Versorgungsstation und ich greife mir noch einen Becher mit Wasser um mir diesen wieder über Hemd und Mütze zu schütten.

Noch eine letzte Straßenüberquerung und wir sind in den Lankower Bergen angelangt. Ein kurzes Stück Straße und dann biegt die Schar auf einen glitschig rutschigen, mit Gras zugewachsenen (aber kurz gemähten) Weg ab. Gleich zu Beginn dieses letzten und wahrscheinlich schlimmsten Abschnittes geht es erst einmal ein Stückchen Bergab. wahrscheinlich um Schwung zu holen für den nun erfolgenden Anstieg. Hier geht es geradezu in mehreren größeren Etappen über 25 Höhenmeter. welche sich auf knapp 125m verteilen. Der größte Teil der Läuferschar setzt zu einem flotten Sprint an um dann nach wenigen Metern der Unmöglichkeit ins Auge zu schauen und schlagartig ins Gehen verfallen. Leider ist der weg nur knapp 30cm breit und wenn der Hintermann vorbei möchte heißt es ab in die Wiese, denn die „Geher“ bleiben mitten auf dem schmalen Trampelpfad. Wer dann beim Überholen jemanden ein wenig touchiert wird, ob der blank liegenden Nerven, direkt angemault. Das bisher eigentlich so hilfreich anfeuernde Volk am Streckenrand wurde hier von lästernden Kollegen auf Klappstühlen ersetzt. Wenig hilfreich, aber ignorierbar denke ich. Oben angekommen gleich wieder 10 Höhenmeter Abwärts über rutschiges, von bereits knapp 1800 Paar Läuferbeinen zermalmten Grases. Ein paar Meter später wird dieser Höhenverlust wieder ausgeglichen um dann ziemlich Steil direkt auf das Seeufer des Lankower Sees zuzusteuern (wer hat mitgezählt? See Nummer 7!). Auch hier macht es der lehmig-matschige Untergrund ein paar Probleme beim Abstieg.

Unten angekommen, erwartete einen das schon lange herbeigesehnte Schild mit der Aufschrift „noch 1km“. Endlich. Ein Ende des Elends ist in Sicht. Und jetzt geht es nur noch den Wanderweg und die letzten zwei drei kurzen Anstiege fallen schon gar nicht mehr auf. Die jubelnden Zuschauermengen nehmen langsam zu. Man kann die Durchsagen der Lautsprecheranlage langsam schon verstehen, über den See schallte sie einem ja schon vor 3 km entgegen.

Endspurt

Die letzte Kurve naht, es geht durch den Matsch zwischen den Zuschauern in zwei Zieleinlaufgassen. Kurz vorher setze ich zu einem letzten, nennen wir es mal Sprint, an und überhole noch eine Läuferin. Mit angelegten Scheuklappen wetze ich auf den Zeitnehmer zu, der zeitgleich mit der Ansage vom Aussichtsturm meine Nummer scannt. Erst hier verstehe ich, was der da die ganze Zeit für Namen durch die Landschaft ruft. Jeder Läufer wird persönlich im Ziel begrüßt. Wenn Zeit ist auch mit zusätzlichen Informationen unterlegt. So konnte man zu einigen Teilnehmern erfahren, wie oft sie schon am Lauf teilnahmen oder, wie bei mir, wo sie her kamen. Ich finde das eine Wahnsinnig nette Geste, zumal das Lesen der Nummern bei einigen Teilnehmern, dank Nummernbändern unter dem Shirt und der ziemlich verbreiteten gebückten Laufhaltung, nicht ganz einfach sein dürfte.

Im Ziel dann auf die Uhr geschaut und Wow 1:21:irgendwas! Tschaka! Und nun einfach umfallen…

 

Und alle wollen nur ihre Zeiten...

vorläufiges Ergebnis...

Ok, hab ich nicht gemacht, war mir zu matschig die Wiese. Statt dessen habe ich mir erst ein mal einen Becher Isotonischen Getränks geholt und dann meine Support-Crew gesucht. Dann noch ein wenig akklimatisiert und dabei dann festgestellt, dass es noch immer regnet. Also erst einmal Jacke und Hose an und dann die Essenbons an der Essensausgabe eingelöst. Das dürfte die leckerste Erbsensuppe aller Zeiten gewesen sein.

es gibt Suppe...

Die Veranstaltung war, trotz des Wetters, eine geniale Erfahrung. Es hat Spaß gemacht und das lag nicht zuletzt daran, dass alles wie am Schnürchen lief. Aber da spielen wohl ganze 27 Jahre Erfahrung eine große Rolle. Danke an die Orga für die tolle Veranstaltung.

Die gesammelten Ergebnisse gibt es hier.

Übrigens, während wir an der Essensausgabe warteten, drückte uns ein Promoter Prospekte unter anderem für den Lübecker-Stadtwerke-Marathon im Oktober in die Hand. Da gibt es auch einen Halbmarathon…

 

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